Alles bleibt dicht und weil Menschenleben auf dem Spiel stehen, muss sich jeder den Regeln fügen. Die einen sagen, es wird niemand zurückgelassen, die anderen fragen: Muss hier wirklich alles stillstehen, damit ein 98jähriger noch drei Monate länger leben kann? Die Wahrheit liegt in der Mitte, aber ist Euch schon mal aufgefallen, dass es um die Maßnahmen nicht mal mehr eine Debatte gibt? Versteht mich nicht falsch: Ein verlängerter Lockdown ist im Sinne der Sicherheit bestimmt die vernünftigste Regelung. Und trotzdem würde ich mich wohler fühlen, gäbe es im besten pluralistischen Sinne eine von mir aus extrem kurze Diskussion über das weitere Vorgehen. Dabei scheiße ich vollends auf die Wirtschaft, was mir aber seit Wochen nicht in meine Birne will, ist folgendes:

Warum in Himmelherrgottsnamen ignorieren wir tausende Mikro-Höllen, in denen Kinder geschlagen werden, Kinder mit ansehen müssen, wie ihre Mütter geschlagen werden oder sich ihre Eltern gegenseitig Gewalt antun, wozu selbstredend auch psychische Gewalt gehört?

Ich bin einigermaßen verzweifelt darüber, dass diese Zustände aktuell ein absolutes Nischenthema sind. Bei jeder Katastrophe gilt das Motto: Frauen und Kinder zuerst. Aber momentan wird lieber über italienische Rentner in Angst berichtet, als über Kinder, die hier in Deutschland durch eine Hölle gehen, die man sich nicht ausmalen kann. Ich bin selbst mit einem gewalttätigen Stiefvater groß geworden und wenn ich mir überlege, damals über Monate mit diesem Wichser eingesperrt gewesen zu sein, dreht sich mir alles um. Eine Gesellschaft muss sich um die Alten kümmern, keine Frage, aber Kinder sollten immer noch den größten Schutz genießen. Dieses Prinzip liegt gerade komplett auf Eis. Wie kann das sein? Vielleicht weil Kinder nicht zur BILD-Anzeigen-Zielgruppe zählen.

Kinder klicken beschissen

Die Leute können die Kanzlerin feiern, wie sie lustig sind, es ist trotzdem völlig unerklärlich, dass sie häusliche Gewalt mit keiner Silbe erwähnt. Das zeigt nämlich sehr deutlich: Dieser Faktor existiert nicht bei der Entscheidungsfindung für die nächsten Schritte. Gleichzeitig ist Politik ein extrem reaktives Geschäft, weshalb sich alle Entscheidungen vor gesellschaftlichen Stimmungen verneigen müssen, die traditionell von den Medien gesteuert werden. Deshalb ist es wichtig, im Speziellen die BILD-Zeitung zu verstehen. Zu oft wird vergessen, dass die BILD ein reinrassiges Konzern-Produkt ist, das wie kein Zweites mit einer eiskalten Konsequenz den eigenen Profit steigern will. Die BILD ist ein feuchter BWLer-Traum, bei dem das Artikel-Portfolio einzig und allein einer möglichst hohen Reichweite folgt. Das übersieht man manchmal bei menschelnden Überschriften wie “Bitte helft uns! Renter Gianluca Colina in Todesangst!”, aber jedes Wort von der Headline, über die Subline bis zu den ersten drei Fließtextzeilen wird mit kalter Präzision für eine maximal hohe Reichweite optimiert. Es geht nicht um Orientierung, Mitgefühl, oder Verantwortungen. Solche Medien arbeiten mit Tools, die schon beim Verfassen Prognosen über den Reach und nichts als den Reach liefern. Journalisten wissen das und sie wissen auch, dass sie auf den Sack kriegen, wenn sie sich nicht sklavisch an die Reichweiten-Vorgaben halten.  

Ein gesunder Rentner ist genauso wichtig wie ein glückliches Kind

Daher kann man davon ausgehen, dass Kinderschicksale offenbar Reichweiten-Gift sind, andernfalls würden wir häufiger davon lesen. Bei der BILD arbeiten auch nur Menschen und nichts liegt mir ferner, BILD-Leute pauschal als zynische Klicktreiber zu beschimpfen. Aber es liegt eben auch in der menschlichen Natur, dass Reichweite korrumpiert. Trotzdem meine Bitte: Schreibt über die Kinder, auch wenn es nicht performt. Dafür muss kein Rentner-Artikel kassiert werden, es wäre nur ein Artikel mehr, den ich Euch sogar schreiben würde, ohne einen Cent in Rechnung zu stellen.

Gleiches gilt für die große Koalition: Nur weil Kinder nicht wählen dürfen, ist das noch lange kein Grund, sie komplett hinter den Risikogruppen einzureihen. Da stehen zunächst keine Menschenleben auf dem Spiel, aber so ein Kindheitstrauma darf gerne auch zu den dringend zu vermeidenden Risiken gezählt werden. Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte: Ein gesunder Rentner ist genauso wichtig wie ein glückliches Kind. Hier wünsche ich mir mehr Unabhängigkeit von den Medien, zumal eine Kanzlerin immer in der Lage ist, Themen selbstständig zu setzen. 

Fragen stellen muss erlaubt bleiben

Ich weiß zu wenig, um über Lockerungen der Maßnahmen zu räsonieren, aber ich weiß ganz bestimmt, dass jeder ein Recht hat, darüber zu diskutieren, ohne in den Verdacht geraten zu müssen, in Wirklichkeit die Alten über die Wupper schicken zu wollen. Das ist diese unerträgliche Rechthaber-Gesellschaft, in der man Menschen, die man gar nicht kennt, für vier Retweets anpöbelt, anstatt in Würde die Fresse zu halten und nach dem magischen Grundsatz zu leben “Let’s agree to disagree”. 

Schon seit einiger Zeit kursiert folgendes Gedankenspiel: Wie wär’s, wenn man Risikogruppen in Quarantäne schickt und sie dafür fürstlich entschädigt? Das öffentliche Leben würde wieder stattfinden, es kommt zu Entspannungen in den Familien, weniger Menschen müssen um ihre Existenz fürchten. Das ist eine extrem knifflige ethische Fragestellung, die ich gar nicht beantworten kann, aber es geht auch gar nicht so sehr um Antworten. Das Problem ist, dass die Fragen mehr oder weniger verboten sind. Ich würde gerne Philosophen sehen, die sich darauf stürzen, aber ich verstehe auch, dass sie keinen Bock darauf haben, jeden Tag Morddrohungen zu bearbeiten.

Kinder können sich nicht selbst helfen

Auf jeden Fall bleiben die KITAS noch sehr lang geschlossen und ich will niemandem für seine oder ihre Meinung blöde kommen. Ich werbe nur dafür, auch darüber nachzudenken, was viele Medien aus Reichweiten-Interessen von uns fern halten: Da draußen sind wahnsinnig viele Kleinkinder, die jeden Tag Angst haben, weil ihre Eltern aggressiv, besoffen, oder einfach nur überfordert sind. Die können sich nicht selbst helfen, die können keine Hilfe-Hotlines bedienen, die können nur in die innere Emigration flüchten und haben noch keine Techniken erlernt, ihre kleinen Herzen auf einen gesunden Ruhepuls zu bringen. Jeder Tag bedeutet für diese Kinder extremer Stress und sie verstehen nicht, warum die eigenen Eltern die größte Bedrohung für sie darstellen. Niemand kann wollen, dass diese Kinder auch nur einen Tag zu viel in diesen Gefängnissen sitzen. Das ist eine Vollkatastrophe und ich befürchte, dass das Ausmaß nicht verstanden wird. Vieles, was im Kindesalter zerstört wird, kriegt man später nur schwer bis gar nicht gekittet. Ich bin schon lange Teil der Medien, aber ich habe noch nie erlebt, dass Kinderschicksale politisch und medial so barbarisch ignoriert werden. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie hart mir das das Herz bricht. Da müssen Parteien und Zeitungen ein einziges Mal ihren eigenen Scheiß hinten anstellen und sie tun es einfach nicht. Fühlt Euch gern an der Ehre gepackt, weil Euch das ein mittelmäßiger Komiker aufs Brot schmieren muss.