Ich habe mein Leben lang Gag-Applaus hinterhergejagt, bis mich mit der Geburt meines ersten Sohnes im Jahr 2014 die Keule der Verantwortung nahezu erschlug: Dieser kleine Mensch wird eines Tages das Internet betreten! Schlimmer noch: Er wird eine Welt ohne Internet gar nicht erleben. Er wird in einer Welt aufwachsen, in der sich Menschen im Sekundentakt gegenseitig bewerten und permanent ihren persönlichen Wert an ihrem Registriergerät in der Hosentasche ablesen – und er wird das für normal halten. Oder anders gesagt: Das wird die eine Realität sein, die er kennt. Wahrscheinlich wird mein Sohn ein Arschloch. Er kann nichts dafür. Aber Social-Media-Kanäle erzeugen zwangsläufig Arschlöcher, weil das Internet im Kern so aufgebaut ist, dass es jedem einzelnen Nutzer permanent recht gibt. Und wer glaubt, immer Recht zu haben, der ist ein Arschloch. Kein Vater sollte erleben, dass sein eigenes Kind ein Arschloch wird. Und das ist nur ein Aspekt von sehr vielen.

Meine Medien-Karriere begann als Blogger, in dieser Funktion habe ich 10 Jahre lang den Abstieg des unabhängigen Internets und den Aufstieg des Konzern-Internets beobachtet und mich 2017 intensiv mit meinem Verdacht beschäftigt, dass alles Übel der Gegenwart sehr eng mit dem Social-Media-Web verknüpft ist. Das Ergebnis ist mein Buch “Das Internet muss weg” und zu meinem Frust hat es seit seinem Erscheinen im Jahr 2018 keinen Funken an Aktualität verloren.

Ich habe ein paar Jahre später mit der Gesellschaft für Digitale Ethik meinen ersten Verein mitgegründet und gehe seither allen mit meiner apokalyptischen These auf den Sack, dass die Digitalisierung der Sargnagel unserer Zivilisation ist. Ich habe viele Texte und Essays zu diesem Thema veröffentlicht und je näher meine mittlerweile beiden Kinder ihrem ersten Social-Media-Account kommen, desto eifriger werbe ich um das Verständnis des Kernproblems. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich die Zeit für meinen TED-Talk aus dem Jahr 2018 nehmen könnten. Und weil das Internet auch mir immer Recht gibt, ist es gut möglich, dass ich da absoluten Schwachsinn erzähle.

 

Der Datenkapitalismus ist das spannendste und gleichzeitig erschütterndste Thema, mit dem man sich befassen kann. Es verbindet Technologie mit Psychologie, Philosophie und Anthropologie und ich verspreche jedem, der sich damit befasst: Man lernt unglaublich viel über sich selbst und das Betriebssystem des Menschen. Ein Aspekt, der mich besonders fasziniert/besorgt, ist das Addictive Design. Dahinter verbirgt sich die hohe Kunst, einen neuronalen Marker in unserem Suchtgedächtnis zu platzieren, damit wir Social-Media-Services immer wieder mit unseren Daten füttern. Nicht nur ich, sondern auch Aussteiger aus der Techbranche vergleichen die gängigen Netzwerke daher gern mit Spielautomaten. Wie das genau funktioniert, habe ich in folgendem kurzen Video-Essay erklärt.

Das hat das alles mit Ethik zu tun? Die Ethik beschäftigt sich mit der Frage nach dem moralischen Handeln und wird immer dann interessant, wenn Dinge zwar juristisch erlaubt sind, trotzdem aber augenscheinlich falsch. Darf man einen Menschen so detailliert vermessen, dass man ihn besser kennt, als diese Person sich selbst? Juristisch ist das erlaubt, aber wir fühlen, dass es nicht erlaubt sein sollte. Das ist Digitale Ethik in a nutshell. Die Digitalisierung schafft Möglichkeiten und Situationen, über die sich die Juristerei noch nie Gedanken machen musste. Bis ethische Schieflagen zu handfesten Gesetzen werden, dauert es sehr lang und neue Regeln gibt es auch nur dann, wenn sie von der Mehrheit gewünscht werden. Dazu muss die Mehrheit verstehen, wie die Kräfte funktionieren, die den vernetzten Menschen so perfide unter Stress setzen. Genau das ist mein Ziel und das Ziel der Gesellschaft für Digitale Ethik.

VideoABOUT BÜCHER IMPRESSUM BOOKING BROWSER BALLETT DIGITALE ETHIK